19.6.
Liebe Carol,
langsam erröte ich beim Lesen Deiner Zeilen. Zu viel Lob. 😉 Und viel zu alt, um noch Tiermedizin zu studieren. Im Gespräch war vor 25 Jahren homöopathische Tier-Heilpraktikerin oder „nur“ Heilpraktikerin. Kein Problem, die Prüfung abzulegen, aber eines, Geld für Behandlungen zu nehmen. Patienten - unabhängig von heimlich abgelegten kranken Katzen - kommen auch so schon lange.
Am ersten Tag in Bayern (Urlaub), brachte mir die Nachbarbäuerin ein vollständig gelähmtes Küken. Logisch, dem kleinen Wesen sofort einen Namen verpasst: Antonia, kurz Toni. 😉 Zwei Wochen mit Küken neben dem Kopfkissen geschlafen, Toni lag in ihrer Schachtel. Ihr u.a. ein hom. Nervenmittel verabreicht: nach sieben Tagen konnte sie stehen, nach 14 Tagen flattern. Und einen Monat später rannte sie der Bäuerin wie ein Hündchen hinterher. Honorarforderung? „Toni kommt nie in den Suppentopf, okay?“ - „Ehrenwort“.
Aus der Ferne den Innsbrucker Kater Tiger kuriert, vom Veterinär meiner Freundin bereits totgesagt. Er hatte sehr schlechte Nierenwerte. Doc tippte auf CNI, war’s aber nicht. Nieren binnen sechs Wochen gut, nur das Kreatinin blieb oben. Viel gelesen: Das ist so bei „Hypertropher Kardiomyopathie“, gar nicht seltene angeborene Krankheit bei Katzen, Verdickung der Herzwand. Tigers Frauchen ließ ein Ultraschall machen, definitiv HCM. Wir veränderten den Mittelplan entsprechend, Kater lebte noch sehr lange, praktisch gesund. Aber warum wusste es der Tierarzt nicht?!
… Sarah pinkelte morgens Fünfmarkstück-große Blutflecken. „Nee, bloß kein Antibiotikum!“ (Standard) Arzneimittellehre durchwühlt, ihr ein südamerikanisches Ruhr-Mittel gegeben. Zweimal vier Kügelchen - Blasen-Spuk beendet.
… Marcello konnte ich nicht helfen bzw. wollte nicht, dass man ihm ein „Immunsuppressivum“ gibt. Sollte es selbst nehmen, rasende Kopfschmerzen und permanente Übelkeit, ist ne Art Chemotherapie bzw. Krebs und AI-Krankheiten werden gleich behandelt. Die Cortison-Tabletten spuckte der Racker immer heimlich aus, fand sie überall in der Wohnung. 😉 Er hatte seine eigene Methode, Schmerzen zu reduzieren. Durfte kiloweise Bio-Joghurt kaufen, musste eiskalt sein. Genial oder, wenn überall in der Mundschleimhaut kleine Geschwüre sind? Joghurt legt sich als Film drüber, tut beim Essen nicht mehr weh. Normales Futter allerdings unmöglich, ihm Vollkornreis, Gemüse und Hähnchenfilets gekocht, alles mit Sahne püriert.
Beißen ging nämlich nicht mehr, weil man ihm in einer Tierklinik erst mal alle Zähne zog - und der Chef dort - 500 € kassiert - danach auf die Idee kam: „Es riecht förmlich nach Autoimmun-Krankheit!“ Internet abgegrast, bis ich den damals führenden Tier-Immunologen fand, Professor an der Hannoveraner Uniklinik.
Ihm per Email geschrieben, er verlangte eine Blutprobe, bekam sie - und wollte keinen Cent für die Untersuchung. Systemischer Lupus erythematodes, mir an sich längst klar, Marcello hatte im Gesicht unter’m Fell die typische Rötung.
Gehört zu den arg schlimmen Erinnerungen. Er konnte sich ja nicht mehr putzen, der Schleim tropfte ihm aus dem Mund, verklebte das Fell. Deswegen legte ihn unser Doc mal in Vollnarkose, mit betäubtem Kater zurück gesaust - und ihn gründlich gewaschen. 😉😡
Wenn man bedenkt, wie sehr sich Marcello bis zuletzt engagierte, an Söhnchen Jakob hing, allein deswegen unmöglich, ihn per Spritze zu „erlösen“. Aber mit Impfungen, recht sicher, dass sein Immunsystem dadurch „kippte“, bin ich seitdem zurückhaltend. Jakob wurde nie geimpft, machte wegen eines Notfall-Kätzchens ne heftige „Grippe“ durch, Fieber tagelang am Anschlag - und dann war’s gut.
Er ging allerdings auch jedem Streit aus dem Weg, versuchte erst gar nicht, sein Revier gegenüber den Bossen des verwilderten Rudels zu behaupten. Deren Quittung? Sie bissen nicht, sondern pinkelten ihn an. Armer Kater musste sich diesen Gestank aus dem Fell lecken. Hätte ihn gerne unter die Dusche gestellt. 😉
Deine Kommentare verwirren mich immer noch, Carol. Bedeutet es Liebe, sich so um Tiere zu kümmern? Mir tut einfach „die Seele“ weh, wenn eines leidet, egal wie groß oder klein. April (?) großer dunkler „Fleck“ im Hausflur, schlechtes Gewissen, meinen Bereich samt Treppe nicht geputzt. Aus der Nähe war’s eine Hornisse, sogar eine (sterbende) Königin! Die kleine Madame vorsichtig in den Thymianbusch draußen verfrachtet und Honig auf dessen Blätter geträufelt. Zu schön, wie sie ihn aufaß und sich bald erholte, wegfliegen konnte. Irgendwo wird sie hoffentlich ein Volk gegründet haben. 😉
… Oh mir fällt der junge Star ein, den Marcello brachte, damit ich ihn „repariere“. Die Stare nisteten auf dem Dach, und das wilde Rudel versammelte sich, wenn ihre Kleinen erste Flugversuche unternahmen, oft in der Wiese landeten. Sie wurden gleich gefressen. Mein „kinderlieber“ Kater fand’s nicht gut, rettete einen Jungvogel. Das Kerlchen in den Transportkorb gesetzt, Futter, Wasser. Etwas später nach ihm geschaut. Star atmete einmal tief - und starb. Klingt sicher verrückt, aber es trat ne Art „kosmischer Stille“ ein, die Erde drehte sich für Sekundenbruchteile nicht mehr um die Sonne. Wie heißt’s? „Kein Spatz fällt vom Himmel, ohne dass euer Vater davon weiß“. Dem Boss sind auch Piepmätze wichtig, Er kennt jeden einzelnen. Und diese eigenartige Stille wurde später durch Nachrichten bestätigt. Attentate, Naturkatastrophen …, Überlebende sagten immer: „es war plötzlich unheimlich still“. Trauer des Himmels, für den Tiere „gleichwertig“ dazugehören. Wie kann man’s verweigern, sich um sie zu kümmern? Ohne den Boss zu ärgern? 😉
20.6.
Jakob, von seinem Adoptiv-Papa entsprechend erzogen, wurde umgebracht, weil er ein verwaistes Häschen bei mir abliefern wollte. Dumm gelaufen, Vermieter mit Frau hinter’m Haus auf der Wiese, Riesengeschrei, sie ließen ihn nicht an die Gartentür. Bin raus, er gab’s mir sofort. Das Tier gehörte in eine Wild-Auffangstation, aber nein: „Geben Sie’s uns, wir ziehen es groß, versprochen!“ Keine zwei Wochen und der Kleine hockte im Drahtkäfig direkt an der Talstraße. Wenn ein Auto vorbei raste, flippte er völlig aus, knallte hin und her, verletzte sich. „Bitte, der Käfig muss an einen ruhigen Ort!“ - „Nee, keine Zeit.“
Warum bitte macht man so etwas? Land ohne Ende, überall geschützte Plätze, Wildhase ist doch kein Spielzeug?! … Sonntags immer Wanderer unterwegs, einer von ihnen lupfte wohl das Drahtgestell, ließ den Kleinen frei. Man unterstellte es aber mir und entführte aus Rache Jakob. „Niedrige Beweggründe“ würde’s treffen. Kann’s bis heute nicht verzeihen.
… Jakob ahnte seinen Tod lange voraus, hatte Alpträume (!). Jeden Abend die gleiche Nummer. Er schlief auf dem Lieblings-Korbsessel im Esszimmer, wurde plötzlich unruhig, zuckte - und rannte wie von Furien gehetzt, steckte seinen Kopf unter meinen Arm. Sollte ihn trösten, ohne monatelang zu wissen, was den kleinen Helden im Traum so erschreckte.
… Hätte misstrauisch werden müssen, denn Sarah verhielt sich vor ihrem Tod 2004 ähnlich. Sie „spachtelte“ im Eiltempo, um nach jeder Mahlzeit mit Marcello als erste auf meinem Schoß zu sein. Wieder diese mir selbst rätselhafte „Automatik“. Meiner - in dem Fall kaum eine Übertreibung - vierbeinigen Tochter Episoden aus unserem Leben erzählt: „Weißt du noch Mäuschen? Hast mir während der Fahrt die Jeans nass gepinkelt, und ich dich zum Fenster rausgehalten.“ 😉 (Keine Sorge 25 km/h) „Dann plötzlich eine dörfliche Polizeikontrolle. Du hocktest wie üblich auf meiner Schulter, musste dich schnell in die Tasche stopfen.“ - „Und diese entsetzte Kassiererin, als du ihr zwischen Milch und Gemüse auf dem Band entgegenkamst.“ - „Tiere sind hier verboten!“ - „Entschuldigung, an der Tür nur ein durchgestrichener Hund.“
… Sarah konnte nicht genug davon bekommen, gurrte in den höchsten Tönen. Bis plötzlich die Enkelin der Nachbarn an meine Gartentür trommelte: „Komm schnell, Sarah!“ Sie lag scheinbar unverletzt tot auf dem Landwirtschaftsweg, etwas Blut aus der Nase. Berge um uns herum warfen das Echo meiner Schreie zurück, nie vorher so gebrüllt. Schlechtes Gewissen wegen des kleinen Mädchens, vier - wie Sarah.
Ausgerechnet sie erklärte bei der Beerdigung in Opas Garten: „Sei doch nicht so traurig! Sarah isch wieder a gonz klois Kätzle, springt im Himmel herum.“ - Kindermund. Als Jakob verschwand, lief er im Traum unter ein Auto, kam unverletzt als junger Kater hervor. Die Umstände seiner Entführung, eine Schweizer „Mediatorin“ um Hilfe gebeten, machten ganz deutlich, dass man ihn mitten im dichten Bundesstraßen-Verkehr aus einem roten Van scheuchte, er den Heimweg nicht überlebte.
Und meine eigene „Mediation“ bestätigte die Zusammenhänge. Einfach mal probiert, mich Samstagmittag auf’s Bett gelegt und Jakobs Wege nachvollzogen. Er war am Waldrand, überlegte, ging nicht in Richtung des nächsten großen Hofes, da er dort mal eingesperrt wurde, sondern zurück. Die Vermieterin, ihr gegenüber sehr misstrauisch, nahm den Käscher, Heckklappe des roten (!) VW-Van war offen, drückte Jakob zu Boden, brachte ihn weg.
Hast wohl Recht, Carol, dass unsere Verbindungen trotz „lockeren Umgangs“ immer sehr eng sind/waren. 😉 Giovanni kam nicht zurück, im Traum hatte er eine verletzte Pfote. Es meinem „Untermieter“ erzählt, musste 2018 vorübergehend einen rumänischen Deutsch-Schüler aufnehmen, Arbeitgeber hatte ihm’s Zimmer gekündigt. Sehr sensibler Junge. Er träumte, dass Gianni, auch kaputte Pfote, zuletzt mit einem alten Mann in einem Schuppen war. Schlagfalle naheliegend, Opfer wird einfach per Knüppel umgebracht.
Erschöpfte Grüße, zu viel Kummer
Henrika